Alte Schmiede (Paul Hörenz)

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Eigentlich ist es falsch, von Hörenz Schmiede zu sprechen, aber das
von ihm bewohnte Gebäude war früher eine Schmiede. Davon zeugte auch
noch in den 50er Jahren ein riesiger Granitstein, der gegenüber, zwischen
Hörenz kleinem Garten und dem heute verrohrten Straßengraben lag.

Erinnerungen eines ehemaligen Nachbarn

Eine Aufnahme des Gebäudes und seiner
Bewohner von etwa 1910

Auf ihm soll mal der Schmiedeamboss
montiert gewesen sein. Ich kann mich
nur erinnern, dass wir als Kinder sehr oft auf diesem Stein herum geklettert
sind. Irgendwann soll er dann zur Müllkippe auf dem Doberberg geschafft
worden sein.

Paul Hörenz, geboren am 21.10.1906 hat sein Geburtshaus nicht mehr als
Schmiede erlebt. Aber die Erinnerung hat das Haus immer noch als
Schmiede begleitet. Das Gebäude war ein zweistöckiges Fachwerkhaus. Zum
nördlichen Nachbarhaus Natschack bzw. Prescher (Haus Nr. 24) bestanden
ca. 3 m Abstand. In diesem dunklen, mit Holundersträuchern bewachsenen
Raum liegen noch die steinernen Reste eines Backofens, der früher vom
Hausflur der Hörenzschen "Villa" beschickt wurde, aber sicherlich seit den
20er Jahren nicht mehr in Betrieb ist.

Zur alten, einfachen Haustür führten 2 Stufen; dann stand man im Hausflur,
der gleichzeitig die Küche bildete. In der rechten hinteren Ecke stand ein
alter gemauerter Küchenherd, der gleichzeitig den Ofen im Wohnzimmer
mit beheizte. Diese Form der Heizung (beim Kochen wurden Öfen in
angrenzenden Räumen mit beheizt, große gefüllte Wasserpfannen wurden
mit erwärmt und hielten stets warmes Wasser bereit, und in einer Ofenröhre
konnte man Speisen und Getränke warm halten) war im Prinzip der Vorläufer der Etagen- oder Zentralheizung. Bei Hörenz, wie auch
in manch anderen Häusern, kam noch eines hinzu: die "Hölle". Der Ofen im Wohnzimmer stand etwas entfernt von der Wand, der
Verbindungskanal war gekachelt und breit genug, dass man darauf schlafen konnte; im Winter eine wunderbar warme Sache, eben
wie in der Hölle.

Wie gesagt, wurde von der Flurküche her geheizt. Oftmals waren aus der Küche dumpfe Schläge zu hören. Vermutlich hackte Paul
Hörenz dort das Holz. Er aber behauptete: "Ich habe Holz nachgelegt. Bei mir kommt der ganze Stamm in das Feuerungsloch. Wenn
er vorne abgebrannt ist, muss ich hinten nachschlagen". Links neben der Haustür führte eine alte, ausgetretene Holztreppe auf den
Boden. Ob der Boden ausgebaut und wie er beschaffen war, weiß ich nicht. Ich bin nie da hoch gekommen.

Im Wohnzimmer, das vielleicht 20 m² groß war und zu einem Großteil vom besagten Ofen eingenommen wurde, war es sehr dunkel.
Vier kleine Fenster, zwei zur Hof- und zwei zur Straßenseite, ließen nur wenig Licht einfließen. Efeu rankte an der Hauswand und
verdeckte einen Teil der Fensterfläche. Im kleinen Vorgarten, der zur Straße führte, stand dazu noch ein riesiger Birnbaum.

Rechtwinklig zum Wohnhaus und mit ihm verbunden, stand in südlicher Richtung das Stallgebäude, ein ebenfalls zweistöckiger
Fachwerkbau. In ihm hatte Paul zwei Kühe stehen. Im Obergeschoß wurden Heu und Stroh gebanselt, das von der Hofseite durch
eine Türöffnung gegabelt wurde. Gegenüber dem Wohnhaus, an die Dorfstraße angrenzend, stand ein teilweise offener Schuppen,
eine Art Remise. Darunter wurde die Einstreu gelagert. Es fanden aber auch der Ackerwagen und Ackergeräte darunter ihren Platz.

Zum südlichen Nachbargrundstück, zu Petrasch, wurde der Hof durch einen Bretterzaun begrenzt. In Höhe des Stallgebäudes war
der Zaun durch eine Tür unterbrochen. Zwischen diesem Zaun und Petraschs Haus verlief ein kleiner Weg, ein Gässchen, nicht
breit, eigentlich nur ein Trampelpfad, links und rechts von Brennnesseln gesäumt. Dieser Pfad endete an einem Brunnen, der
ausgerüstet war mit einer damals üblichen Holzschwengelpumpe. Der Brunnen war, wie der Dorfbrunnen "Lipenke", öffentlich
zugänglich und stand auf einer sehr wasserreichen Ader. Ich kann mich nicht erinnern, dass der Brunnen jemals wasserlos
gewesen ist. Wenn in trockenen Zeiten alle anderen Brunnen versiegten, holte das ganze Dorf das kostbare Nass an Hörenz
Brunnen. Auch ich musste oft das Wasser aus diesem Brunnen holen. An einer über die Schultern gelegten Holztrage hingen an
zwei Ketten die vollen Wassereimer.

Nur der immense Wasserbedarf für das Vieh wurde bei Bedarf in Fässern aus den nahegelegenen Teichen geholt, da man an
Hörenz Brunnen nur zu Fuß herankam. Ansonsten hatte meist jede Bauernwirtschaft einen eigenen Brunnen; sehr oft unter der
Küche. Hörenz Haus war wohl das einzige im Dorf, das bis zu seinem Einsturz im März 2000 keinen Stromanschluss hatte. Man
kann sich vorstellen, wie gefährlich es war, in dem Holzhaus, auf dem Boden und in den Stallungen nur mit offenem Licht oder
mit der Stalllaterne zu hantieren. Es war auch an kein elektrisches Haushaltgerät zu denken. Selbst ein Radio konnte nicht
betrieben werden und fehlte. Der Neffe von Paul Hörenz, Harry Scholz, der bis 1949 dort wohnte, hat immer scherzhafterweise
von einem "Petroleumradio" erzählt.

Damit Paul Hörenz ein bisschen Musik in seine "Villa" bekam, habe ich in den fünfziger Jahren in seinem Wohnzimmer einen
Lautsprecher aufgestellt und über Kabel mit unserem Radio, einem alten „Mende“, bei dem man durch das defekte Gehäuse
am Skalenrad drehen musste, verbunden. Damit konnte Paul aber auch immer nur das hören, was wir gerade wollten und
eingestellt hatten. Aber in der Landwirtschaft hatte man für solchen Luxus sowieso kaum Zeit.

Paul Hörenz war Junggeselle. Er betrieb die von den Eltern ererbte kleine Landwirtschaft. Mit zwei Kühen bestellte er mühselig
den trockenen und steinigen Boden. Er litt an Thrombose und offenen Beinen. Die Landwirtschaft hat er Anfang der 60er Jahre
mit Gründung der LPG aufgegeben. Zeitweise hat er Post und Zeitungen ausgetragen und im Kinderheim gearbeitet. Einige Zeit
lebte er noch in seinem Haus. Da er aber offensichtlich kein Geld für die Instandhaltung hatte, verfiel das unter Denkmalschutz
stehende Gebäude immer mehr. Irgendwann zog er zu Linkes (früher Petschel) ins Haus. Paul Hörenz starb am 3. Dezember 1987.

Paul Hörenz Haus im April 2007. An der Ruine erkennt man noch
die Struktur des alten Fachwerkbaus.

Im März 2002 stürzte das Dach des Hauses krachend in sich zusammen. Schon vorher  war das Grundstück
notdürftig eingezäunt. Trotzdem war es für spielende Kinder leicht, in das Haus zu kommen und mit
Streichhölzern zu spielen. Am 23. August 1984 brannten Heu, Stroh und Papier. Die Feuerwehr konnte
schnell löschen und größeren Schaden verhindern. Eine Erbengemeinschaft, bestehend aus ca. 20
Personen, konnte sich nicht zum Verkauf des Grundstückes einigen. Vermutlich hofften sie auf das große Geld. Selbst beim
Abbruch des baufälligen Nachbargebäudes (Prescher, dann LPG, dann Agrar-GmbH), als von der Agrar-GmbH Skaska die
Bereitschaft zum Abbruch und zur Beräumung vorlag, gab es keine Bereitschaft dazu.

Das sind  die Reste der ehemaligen "Villa" von Paul Hörenz Aufnahme vom Dezember 2015

Seit Jahren gibt es einen Interessenten für das Grundstück, welches nicht nur die Ruine und die Wiese
dahinter bis zum Hofacker umfasst, sondern auch einen kleinen Garten auf der gegenüberliegenden
Straßenseite. Dieser Garten grenzt an Haus und Grundstück von Reiner Noacks Tochter. Nach langen
Verhandlungen und Bemühungen hat Harry Scholze, der Haupterbe, das Grundstück im April 2015 durch
Schenkung an Reiner Noack übertragen.

Manfred Prescher
Dresden, Februar 2016


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