Neubau einer Dorfschule

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1864 erbaute die Gemeinde unmittelbar neben der alten eine neue Schule, in
der auch eine Lehrerwohnung mit untergebracht war. Zur damaligen Zeit stellte
dieser Neubau einen gewaltigen Fortschritt dar, der aber nicht lange vorhielt.
Nach wie vor gab es nur einen Klassenraum, in dem alle Kinder unterrichtet
wurden. Am Vormittag lernten die älteren und am Nachmittag die jüngeren
Schüler.

Mit 55 Schülern, so im Jahre 1934,
war das einzige Klassenzimmer hoffnungslos
überfüllt und der Lehrer überfordert

Der Lehrer stellte der jeweiligen Klasse (in der
Regel 4 bis 7 Schüler pro Jahrgang) die Aufgaben
für dieUnterrichtsstunde und beauftragte einen der
Mitschüler mit der Aufsicht und Kontrolle, während er sich selbst schon wieder
mit der nächsten Klasse beschäftigen musste. Selbst die 1864 erbaute Schule
mit ihrem einzigen Klassenraum wurde im Laufe der Zeit den gestiegenen An-
sprüchen und Erfordernissen, auch den Schülerzahlen, nicht mehr gerecht.
Die Gemeinde plante Veränderungen.

Ein Ersuchen des Bürgermeisters Waurentschk 1924 beim Rittergutsbesitzer,
östlich der Rittergutsscheunen eine neue, größere Schule zu errichten, stieß
beim Herrn Horst von Zehmen auf empörende Ablehnung, weil damit die
Sicht vom Arbeitszimmer auf seine Felder versperrt würde. Also blieb es bei
den bisherigen Verhältnissen, und die Gemeinde versuchte mit kleinen
kosmetischen Veränderungen die Lehrverhältnisse etwas zu bessern.
Beispielsweise wurden 1925 die Birken am Großteich gefällt und verkauft,
um aus dem Erlös den Fußboden im Klassenzimmer zu erneuern. 1927
beschlossen die Gemeindevertreter, der Schule einen neuen Anstrich zu geben
und einen Zaun um das Gelände zu errichten. Grundsätzlich aber wurden die
Bedingungen aber erst nach dem II. Weltkrieg verändert.

Neue Wissensvermittlung

Spätestens mit Beginn der Weimarer Republik, in der man die achtjährige Volksschulpflicht verbindlich festschrieb, wandelten sich
auch Inhalt und Methode des Unterrichts. Schon Jahrzehnte zuvor hatte man den Wert einer guten und breiten Volksbildung für den
wirtschaftlichen Aufschwung und Wohlstand erkannt. Die Christenlehre wurde mehr und mehr zurückgedrängt. Allgemein- und
naturwissenschaftliche Ausbildung, deutsche Sprache, Rechnen, Geschichte, Erdkunde und Sport gefördert. Dazu war auch die
Ausbildung der Lehrer und Hilfslehrer zu verändern.

Ab 1933, mit Hitlers Machtantritt, begann auch die Gleichschaltung der schulischen Ausbildung im nationalsozialistischem Sinne.
Es gab Bestrebungen, die lateinische Schrift durch die alte deutsche Schrift abzulösen. Das hat sich aber nicht durchgesetzt. Die
sorbische Sprache durfte nicht mehr gelehrt, teilweise nicht mehr gesprochen werden. Die Unterrichtswoche begann an jeder
Schule nun nicht mehr mit einem Gebet, sondern mit einem Fahnenappell.
 

Lehrer Göhler beantragte im Gemeinderat, dessen Schriftführer er war, für jedes neu geworbene
Mitglied in der "Hitlerjugend" eine Reichsmark aus der Gemeindekasse zu spenden. Alle Schüler
mussten einen Stammbaum anfertigen, um ihre "arische Abstammung" nachzuweisen.


Und schließlich wurden auch neue Benotungssysteme eingeführt.
 

Gesellschaftliche Stellung des Lehrers

Etwa ab Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich auch die gesellschaftliche Stellung des Lehrers
gewandelt. Der Lehrer stellte etwas dar, er gehörte mit zur oberen Schicht, besonders in einem
kleinen Dorf. Lehrer Mager übernahm 1917 die Leitung des Männergesangvereins und Lehrer Göhler
war zeitweise Schriftführer des Gemeinderates.

Dem Lehrer oblag nicht nur die Wissensvermittlung, sondern auch ein Teil der Erziehung der Kinder,
die er oft mit Prügel oder harten Strafen durchzusetzen suchte. Besonders vor und während des Krieges gab es einige "stramme"
Lehrer, die in Uniform zum Unterricht erschienen und mit „deutscher Härte“ durchgriffen. Auch in den ersten Jahren nach dem
Krieg gab es bei den kleinsten Verfehlungen noch die Prügelstrafe, obwohl sie offiziell verboten war.

Rosel Pötschke erinnert sich: "Der erste Lehrer hieß Unger, bei dem haben wir die Zuckertüte bekommen. Das war 1929.
Anschließend hatten wir den Lehrer Balbig; da ging ich ins zweite Schuljahr. Dann kam der Lehrer Göhler als Hauptlehrer und
verschiedene Hilfslehrer aus Oßling, z. B. Lehrer Wendt, Lehrer Kühne, Lehrer Törtschke kam gleich in SS–Uniform (er hat den
Storch Fritz mal so verdroschen) dann die Handarbeitslehrerinnen Fräulein Fuchs und Fräulein Rost. Wir hatten einen Klassenraum
in dem Schulgebäude schräg gegenüber vom Gasthof. Vier Klassen wurden gleichzeitig unterrichtet. Vormittags die Klassen 5 bis 8,
und nachmittags die Klassen 1 bis 4.

Es gibt einige Episoden aus meiner Schulzeit. Heynes Lotte, Kirstan Rudi und Hetmank Richard gingen mit mir in die Schule. Wir
haben manchen Spaß gehabt. Die Lotte wurde von den Jungen aufgehetzt und hat dann die Lehrer geärgert. Schäfers Gretel, die
Lotte und ich waren derzeit die Ältesten. Lotte saß vor mir. Ich habe ihr mit der Stecknadel in den Hintern gestochen. Sie ist
aufgesprungen und hat aufgeschrien. Das Ergebnis war eine Strafarbeit für uns beide. Aus dem Lesebuch mussten wir lernen
"Der Fuchs im Winter". Ich hatte die zehn Zeilen gelernt, aber Lotte nicht. Sie musste das abschreiben. Und das hat sie auf
Zeitungsränder getan. Das konnte sie sich nur beim Hilfslehrer, nicht aber beim Lehrer Göhler erlauben.

Einmal hat sie neben der Tür gestanden. Als der Lehrer hereinkommt, hat sie ihm in den Hintern gekniffen. "Was fällt dir denn ein?"
"Ich wars nicht, da sind sie vielleicht hier hinten angerannt". Darauf hat er sie mit dem Rohrstock mächtig verdroschen. Jedenfalls
haben wir ihr gesagt, dass sie die Hand verbinden soll. Am nächsten Tag kam sie mit verbundener Hand; den Arm auf einem Brett,
umwickelt mit einer zerschnittenen, etwa zehn Meter langen Gardine. Aber der Lehrer ließ sich nicht beeindrucken: "Wenn du das
nicht sofort wegmachst, kriegst du noch mehr!"

Auch Lehrer Göhler hatte eine lockere Hand und versuchte damit, Disziplin zu erzwingen. Nicht alle Eltern duldeten die Züchtigung
ihrer Kinder. Max Kirstan beispielsweise lehnte sich gegen Lehrer Göhler auf, weil dieser den Sohn Rudi arg verprügelt hatte.
Göhler „erzog“ seine Schützlinge ganz im Sinne der nationalsozialistischen Idee, mit militärischer Strenge und Härte. Er ließ sich
auch in Wutanfällen dazu hinreißen, alle vor der Schulzimmertür stehenden Holzpantoffel auf den Schulhof zu werfen und die
Kinder dann zum Sortieren aus dem Zimmer zu jagen. Er duldete und unterstützte es aber, dass die Kinder auf die Straße liefen,
wenn eine Panzerkolonne, aus der Kamenzer Kaserne kommend, mit lautem Kettenrasseln die Dorfstraße hochdonnerte.

Für die außerschulische Betätigung bestand, neben dem Dienst beim "Jungvolk" und im "Bund Deutscher Mädchen", die Möglichkeit,
Modelle zu basteln. Segelflugzeuge mit ca. 1 m Spannweite und ca. 70 cm lange Segelschiffe, die elegant auf dem Dorfteich
schwimmen konnten, begeisterten vorwiegend die Jungen. Für die sportliche Betätigung stand der Sportplatz am Weg nach Milstrich,
auf dem noch eine alte Eskaladierwand vom ehemaligen Arbeitsdienstlager stand, zur Verfügung. Und natürlich wurde dort auch
Fußball gespielt.

Und weiter erinnert sich Rosel Pötschke: Margot von Zehmen hatte Verbindung zu Graf Luckner, dem "Seeteufel". Er war etwa 1936
einmal bei Zehmens in Weißig. Lehrer Göhler hat mit uns Schulkindern diesen Besuch vorbereitet. Ich mußte ein Gedicht lernen.
Frau Jakob sollte zwei Butterschäfchen mitbringen.

Das Gedicht lautete:

Auf weiten Meeren sind sie viel gefahren,
wir haben oft davon gelesen und gehört,
für dies Stück Butter, tun Sie's schnell bewahren,
denn wer gut schmert, der auch gut fährt.

Graf Luckner hat sich mit Zauberkunststückchen bei uns bedankt.

Nach und nach wurden die meisten männlichen Lehrer zur Wehrmacht eingezogen und Lehrerinnen übernahmen das Kommando;
ein neuer, humanistischerer Geist zog auch in die Weißiger Schule ein.

Jeder denkt sicher noch gern an die Zeit zurück, als Frau Darbritz, die bei Arthur Kubin ein Zimmer bewohnte, in den Jahren 1942
bis 1944 die Schule leitete. Sie besaß ein Feingefühl für den Umgang mit den Dorfkindern, auf dem sich ein tiefes Vertrauens-
verhältnis zwischen den Schülern, Eltern und ihr aufbaute. Sie war nicht nur eine verständnisvolle Pädagogin, sondern schuf auch
Höhepunkte für ihre Schüler im dörflichen Einerlei. Einprägsam waren in dieser Zeit nicht nur ein Schulbesuch im Dresdner Zwinger
und Zoo und ein einwöchiger Ferienaufenthalt in der Jugendherberge Ohorn, sondern auch das Schulfest 1943. Die Schule spielte
im Schloßpark Zirkus, jeder Schüler hatte seine Rolle, und Frau Darbritz war die Zirkusdirektorin.

Zu Ostern, Ende März 1945, wurden zum letzten Male neue Schüler in die Schule aufgenommen. Frau Herrmann, später verheiratete
Kirstan, hatte es sich nicht nehmen lassen, im Schulgarten einen „Zuckertütenbaum“ zu gestalten, an dem die Zuckertüten der
Kinder hingen. Der Baum musste nicht viel tragen; es waren nur sechs Schulanfänger und die Tüten hatten wenig Inhalt, es gab
derzeit kaum etwas, womit man den Kindern den Schulanfang versüßen konnte. Nur wenige Tage dauerte der Unterricht, dann
kam das Kriegsende und der Unterricht fiel für längere Zeit aus.

Im Herbst 1945 wurde der Unterricht fortgesetzt. Diesmal unter neuen Bedingungen und in zwei neuen Räumen im Schloss, die
inzwischen durch die Gemeinde ausgebaut worden waren.

Manfred Prescher Dresden, Januar 2012

Quellen:

- Akten der Kirchgemeinde Oßling
- Internet
- Aufzeichnungen des ehemaligen Lehrers Erich Förster
- Aufzeichnungen Helmut Prescher, Berlin
- Bericht Rosel Pötschke, Weißig
- Bericht Siegfried Boden, Jesau



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